Der Sonnentempler Orden
"Der Tod existiert nicht, er ist nur eine Illusion."

1. Anwerbung

In der Anwerbungsphase werden die Umworbenen mit einer Überdosis an Zuwendung und Gruppensolidarität in ein bisher kaum erlebtes euphorisches Bad der Emotionen geworfen. Sektenanhänger vermitteln ihnen gezielt Glückserlebnisse. Der in diesem Zusammenhang oft gebrauchte Begriff „Love-Bombing“ ist sehr treffend gewählt. In unserer sonst eher anonymen Welt, wo Geld mehr zählt als Menschlichkeit, verfehlt die Bombardierung mit Liebe und Zuneigung seinen Zweck selten. Das kritische Bewusstsein wird betäubt, und man ist bald bereit, seinen neuen „Freunden“ mehr Glauben zu schenken als den Zeitungsberichten und Fernsehdiskussionen.

Um die Vereinnahmung zu verstärken, werden die ahnungslosen Novizen mit viel Lob überschüttet. Ihre Bereitschaft zur Diskussion und die ernsthafte Sinnsuche beweisen, dass sie ein wertvolles Individuum mit hohen ethischen und religiösen Ansprüchen seien. Und geheimnisvoll fügen die Anhänger vieler Gruppen an, es sei für sie kein Zufall, dass das neue Mitglied zum Kult gefunden habe. Sie lassen durchblicken, dass eine göttliche Vorsehung oder mystische Fügung im Spiel gewesen sein müsse. Dabei werden die Rollen geschickt vertauscht, und die Sektenanhänger suggerieren ihren Opfern, sie selbst hätten die Gruppe gesucht und gefunden, seien quasi von einer inneren oder höheren Macht gelenkt worden. Die Kultmitglieder vertuschen damit ihre gezielte Strategie der Anwerbung und Manipulation und vermitteln den umworbenen ein angeblich übersinnliches Erlebnis.

Nachdem Thierry Huguenin ein Jahr lang bei Evelyne Chartier eine Wachtraumtherapie absolviert hatte, war diese der Meinung, dass er nun soweit sei, einen wichtigen Schritt in seiner Entwicklung zu tun. Dafür müsse er allerdings einen Eingeweihten kennenlernen.

Sofort glaubte Huguenin an göttliche Vorsehung oder mystische Fügung.

Love-Bombing erfuhr Huguenin zuerst von Jo Di Mambro persönlich. Bei einem Gespräch vermittelte Di Mambro Huguenin das Gefühl, ihn voll und ganz zu verstehen und seine Einstellung unter anderem der Kindererziehung gegenüber zu teilen. Damit sprach er indirekt ein Lob aus, in dem Sinne, dass er es als Eingeweihter und Meister nicht besser machen könnte, als der kleine, unerfahrene Thierry.

Bei der ersten Begegnung mit der Gruppe im Rahmen eines Konzertes der Opernsängerin Blanche Davout wurde er von allen begrüsst und nach dem Konzert sofort angesprochen. Evelyne Chartier lud ihn prompt für das nächste Wochenende zu einem Seminar ein. So fühlte sich Huguenin bereits akzeptiert und integriert in die Gruppe. Eine dankende Ablehnung der Einladung wäre bereits nicht mehr möglich gewesen. Huguenin wollte allerdings auch nicht ablehnen, denn er war sehr fasziniert von den Menschen dort:

„Weisst du, Nathalie“, sagte ich, „man könnte meinen, sie würden von innen heraus strahlen. Sie haben nichts mit den Leuten gemein, die uns sonst so begegnen. Sie wirken, als ob sie auf einem anderen Planeten leben.“

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